Hearing BM 2008

Position des BCH Berufsbildung Schweiz

Grundsätzliches

Vor ziemlich genau 25 Jahren begann ich an der BMS in der Gewerblich-Industrielle Berufsschule Muttenz zu unterrichten. 1993 wurde aus der BMS die Berufsmaturität. Die nächste Reform fand 2001 statt. Bevor wir an der GIBM wirklich mit der Reform zu Ende sind, sprechen wir nun von der nächsten Reform. Ich will damit nicht sagen, dass ich gegen Reformen bin, aber ist sie hier und jetzt wirklich notwendig? Die jetzige BM ist gut!
Und sie kann optimiert werden, da bieten wir Hand, da helfen wir mit.

Es kommen weitere Aspekte hinzu. Vor kurzem haben wir über den Bildungsartikel abgestimmt. Mit HarmoS stehen uns wahrscheinlich eine ganze Menge Neuerung bevor. Und dies betrifft sicherlich nicht nur die Lehrpersonen. Denken wir nur einmal auch an die Schülerinnen und Schüler. Sie müssen sich dauernd auf neue Situationen einstellen, auch ihre Eltern. Die Wahlmöglichkeiten ändern sich am Laufmeter. Könnten wir nicht ein bisschen warten, bis mehr Klarheit über die Auswirkungen von HarmoS sich abzeichnen?

1. Frage: Stärken und Schwächen

a) Stärken der BM: Beibehalten und Fördern
Wir sehen als Stärken der BM die breite Fächerpalette der BM in allen 6 Richtungen. 8 bis 10 Fächer garantieren eine breite Ausbildung und Bildung. Weiter unterstützt dies zu einem vernetzten Denken. Die IDPA fordert selbständiges und wissenschaftliches Denken, Aspekte, die für die Fachhochschulen und die Universitäten ein Muss sind. Gerade im Bereich der IDPA kann die Berufsmaturität weiterentwickelt werden, beispielsweise wenn sie auf mindestens 80 Lektionen festgelegt wird. Es versteht sich von selber, dass unter diesem Gesichtspunkt das Fach Geschichte/Staatslehre eine grosse Bedeutung hat.

b) Schwächen der BM
Wirkliche Schwächen der gegenwärtigen Berufsmaturität sehen wir nicht, nur Verbesserungsmöglichkeiten. Insbesondere in der technischen Richtung könnten wir uns eine bessere Verschränkung der beruflichen Grundbildung mit der BM vorstellen. Wie das aussehen könnte, müsste intensiver besprochen werden.
Die Herausforderung ist die Heterogenität der Ausbildung mit 290 Berufsbildern. Hier alle Bedürfnisse abzudecken ist eine grosse Herausforderung.

2. Frage: Studierfähigkeit

a) Studierfähigkeit an Fachhochschulen / Minimalstandards
Aus unserer Sicht bestehen die Minimalstandards in erster Linie darin, dass die BM-Absolventen gute Kompetenzen in ihrem Kernfach erlangt haben, also gute Kenntnisse im Fachunterricht erworben haben.
Im Übrigen sind die Minimalstandards sind die Minimalstandards im Artikel 2 der Berufsmaturitätsverordnung genügend bezeichnet: Fach-, Selbst- und Sozialkompetenz.
Weiter kommt hinzu, dass die Minimalstandards angesichts der 6 Richtungen der BM nicht sinnvoll vereinheitlicht werden können. Man vergleiche etwa die Ansprüche an die Ausbildung Richtung Gesundheitliches/Soziales mit der technischen Richtung oder die kaufmännische Richtung mit der landwirtschaftlichen. Wohl lassen sich müssen einige Fächer überall postulieren: Muttersprache, Mathematik, Englisch. Ansonsten ist die Spannweite zu gross, eigentlich schon innerhalb der technischen Richtung. Was verbindet die Ausbildung eines Bäcker-Konditors mit jener eines Informatikers?

b) Besondere Kompetenzen der BM-Absolventen bei Studienbeginn
Als zentral sehen wir die Fach-, Selbst- und Sozialkompetenz.
Allgemein sind BM-Absolventen aber ausgebildet worden, um die Praxis einerseits und die Theorie andererseits verbinden zu können. Sie müssen also recherchieren können, sie müssen in Gruppen zusammenarbeiten können, und darüber hinaus müssen sie über eine gute berufliche Grundausbildung verfügen.

c) Berücksichtigung der beruflichen Kompetenzen und Erfahrungen durch die Fachhochschulen
Zur dieser Frage müssen die Fachhochschulen klar Position beziehen.

d) Support durch Fachhochschulen, um Lücken zu füllen
Wir erwarten, dass die Fachhochschulen eine Nachholbildung in den eigenen Reihen anbieten. Eine Vorkurslösung lehnen wir kategorisch ab.

Wir verweisen in diesem Zusammenhang darauf, dass auch an Universitäten gewisse Fächer nachgeholt werden müssen, sie werden nicht vorausgesetzt.

3. Struktur

a und b) Soll die BM 2008 über mehr Breite statt Tiefe oder über mehr Tiefe statt Breite verfügen?

Wir vertreten die Meinung: Weder noch! Der Fächerkanon ist gut, wie er ist, es sollen keine Abstriche in der Breite stattfinden, zusätzliche Lektionen wären schön, sind wohl aber unwahrscheinlich.

Die BM 2008 soll die bestehenden Strukturen der BM-Ausbildung optimieren und eine höhere Effizienz ermöglichen. Wir denken hier v.a. daran, dass die Verknüpfung mit der beruflichen Grundausbildung optimiert werden könnte. Im Speziellen soll geprüft werden, wo noch eine bessere Zusammenarbeit in Sinne des integrativen Modells möglich sind.

Beat meinte hier noch, dass wir darauf verweisen sollten, dass der fremdsprachliche Unterricht im neuen Berufsbildungsgesetz vorgesehen war, dieser Artikel aber nie umgesetzt wurde. Hier hätte auch Spielraum zu einer Optimierung bestanden.

4. Umfang

Generell soll festgehalten sein, dass das duale System der Lehrlingsausbildung im europäischen Gesamtkontext sehr gut angesehen ist und einen hohen Stellenwert geniesst.
Wir sind der Auffassung, dass das Potenzial mit 2 Schultagen pro Woche ausgeschöpft ist.

Beibehaltung/Verringerung/Erhöhung der BM-Lektionenzahl?

Unter keinen Umständen soll die Lektionenzahl verringert werden. Sie ist ohnehin pro Fach jeweils bereits an der unteren Grenze. Wenn schon sehen wir eine Erhöhung der Lektionenzahl, beispielsweise in den Bereichen Physik und Englisch. Es ist ebenfalls anzustreben, dass die Lektionenzahl für die IDPA mit 80 Lektionen festgeschrieben wird.

5. Interdisziplinarität

a) Stellenwert der Interdisziplinarität für Studienfähigkeit
Grundsätzlich schätzen wir die Interdisziplinarität als sehr hoch ein. Es ist dabei aber zu bedenken, dass Interdisziplinarität Kenntnisse und Fähigkeiten in Disziplinen verlangt. Ohne Disziplinen keine Verknüpfung von Disziplinen, keine Anwendung des jeweilig spezialisierten Wissens, keine Vernetzung, keine Anwendung der erworbenen Methoden.

Von der Verankerung nach Artikel 4.3 des Rahmenlehrplans vom 22.Februar 2001 durch 10 Prozent der Lektionen, die pro Fach der Inter-, Multi- und Pluridisziplinarität zuzuweisen sind, wollen wir absehen. Es hat sich gezeigt, dass entsprechendes interdisziplinäres Unterrichten eher als mühsam empfunden wurde, sowohl inhaltlich wie auch stundenplantechnisch. Hinzu kommt, dass das Vermitteln von Fachwissen zu sehr unter dem Opfer der 10 Prozente gelitten hat. Hingegen soll die IDPA mit 80 Lektionen dotiert werden. An der Intradisziplinarität soll jedoch unbedingt festgehalten werden, ja sie soll gefördert werden.

b) Welche Kompetenzen werden speziell gefördert?
Ganz eindeutig fördert die Interdisziplinarität das Verbinden von Praxis und Theorie, das Verbinden von praktischer Anwendung in der beruflichen Grundausbildung mit dem wissenschaftsnahen theoretischen und exemplarischen Umgang mit Wissen, also das vernetzte Denken. Wir betrachten es also als wichtiger Faktor, wenn es um die Studierfähigkeit der BM-Absolventen geht.

c) Interdisziplinarität dank bilingualem Unterricht
Bilingualer Unterricht ist sicher interessant, wir meinen jedoch, dass er an der BM nicht praktizierbar ist. Welchen Sinn würde es beispielsweise machen, im deutschsprechenden Raum Geschichte/Staatslehre auf Französisch zu unterrichten. Dabei müsste unter anderem berücksichtigt werden, dass die Lehrpersonen speziell ausgebildet werden müssten, mit allen entsprechenden zusätzlichen Faktoren (Kosten). Weitere grosse Probleme würden sich speziell in kleineren Schulen ergeben, wenn sie bilingual unterrichtende Lehrpersonen nicht finden würden.

Situativ und partikulär kann man sich bilingualen Unterricht vorstellen. Beispiel: Etappen der französischen Revolution auf Französisch; Adam Smiths liberale Theorien auf Englisch. Man muss sich aber auch hier wieder fragen, was wichtiger ist, die zweite Sprache oder das vermitteln von fachlichen Grundkenntnissen. Es beklagen sich ja sämtliche Fächer, sie hätten zu wenige Lektionen.

d) Stellenwert der IDPA
Wir beurteilen den Stellenwert der IDPA als sehr hoch. Der Stellenwert ist ja dadurch, dass die IDPA-Note eine Fallnote ist, schon sehr hoch Unserer Meinung nach sollte sogar die IDPA dadurch, dass es mit 80 Lektionen dotiert wird, den Rang eines eigenen Faches haben. Da sind jedenfalls Diskussionen noch notwendig.

Die IDPA ist deswegen so wichtig, weil hier dokumentiert werden soll, dass die BM-Absolventen wissenschaftsähnlich arbeiten, recherchieren, eine Bericht schreiben, ein Arbeitsjournal führen, über ihre Sozialkompetenzen Auskunft geben müssen, Selbständigkeit beweisen müssen und vernetzt denken. Lauter Kriterien, die für die Studierfähigkeit der Absolventen bedeutend sind. Gewisse Forderungen, beispielsweise der Bezug zur Arbeitswelt, könnten fallen gelassen werden.

e) Interdisziplinarität als Vorteil der BM-Absolventen
Diese Aussage ist korrekt. Die Interdisziplinarität könnte im hier skizzierten Sinn verbessert werden.

6. Attraktivitätssteigerung

Steigerung der Attraktivität der BM durch

a) bei Jugendlichen und deren Bezugspersonen
Die Attraktivität kann nicht zuletzt durch Kontinuität gesteigert werden. Die häufige Unsicherheit der Lehrpersonen, wie es nun wieder weiter geht mit der BM, mit einem einzelnen Fach, verunsichert auch die Lernenden. Es ist nicht immer angenehm, in einer Pilotklasse zu stecken. Wir sollten also feste Werte schaffen. Auch die Eltern wollen wissen, woran sie sind.

b) bei Lehrpersonen der Sekundarstufe II
Es sind wohl die Lehrpersonen der Berufsfachschulen gemeint. Hier ist eine bessere Verschränkung der Bildungsinhalte der fachlichen Grundbildung mit den Bildungsinhalten der BM zu fördern, soweit es die Grösse der Schule zulässt.

c) bei BerufsbildnerInnen und BetriebsinhaberInnen
Hier kann die Attraktivität gesteigert werden durch Kontinuität und Berechenbarkeit.
Es soll auch aufgezeigt werden, dass BM-Absolventen flexibler einsetzbar sind.

7. Neue Berufsmaturität „BM 2008“

Unsere Ideal-BM kann zusammenfassend folglich so dargestellt werden

  1. Beibehaltung der jetzigen Fächerzahlen, je nach BM-Richtung
  2. Keine Einheitsmatura
  3. Mässige Erhöhung der Lektionenzahl
  4. Stärkung der IDPA dank einer höheren Lektionenzahl
  5. Stärkung des wissenschaftsähnlichen Arbeitens in den einzelnen Fächern dank mehr projektartigem Arbeiten
  6. Keine Abstriche an der Lektionenzahl der einzelnen Fächer durch ein Aufbürden zusätzlicher Arbeiten
  7. Nähere Zusammenarbeit mit der beruflichen Grundausbildung
  8. Keine grossen Neuerungen vor der Umsetzung von HarmoS

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